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Bus 174 Filmkritik

 
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plam
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BeitragVerfasst am: Mo Okt 27, 2008 10:41    Titel: Bus 174 Filmkritik

BUS 174

(Ônibus 174)

Brasilien 2002

Regie: José Padilha, Felipe Lacerda

Im Juli 2000 ereignet sich inmitten von Rio de Janeiro ein Vorfall, der das Land an diesem und noch vielen weiteren Tagen lähmt und nachhaltig verändern sollte. Ein junger Mann afroamerikanischer Abstammung aus der Favela, jenen berüchtigten Slums rund um die großen Städte in Brasilien steigt in den Bus der Linie 174 ein und nimmt sämtliche Insassen als Geiseln. Das Fernsehen ist schneller vor Ort, als allen Beteiligten lieb ist. Zunächst verfolgt das gesamte Land die Bilder, kaum entzifferbar, live am Fernsehbildschirm via Verkehrsüberwachungskamera, später durch die eigens hinzugefügten Kameras sämtlicher Fernsehsender des Landes.

Zu sehen gibt es für die folgenden vier Stunden dramatische Bilder eines extrem verunsicherten und daher umso gefährlicher wirkenden Entführers, panische Geiseln, die immer wieder schreiend um Hilfe flehen und die völlig überforderte Sondereinheit der Polizei, die im Wesentlichen nichts tut.

Für ganz Brasilien, ebenso wie für das Fernsehen ist jedoch von Beginn an klar: Man will den jungen Mann, Sandro, am Liebsten tot sehen. Er verkörpert jenen Abschaum aus der Favela, der für Unruhe, Drogenkriege und Tot sorgt - tagtäglich. Er erfüllt alle Klischees eines Menschen aus der Favela - Klischees die leider auch Filme wie "City of God" bestätigen und die Gewalt, die ohne jeden Zweifel in der Favela vorherrscht, nicht weiter kontextualisieren.

Die Dokumentation "Bus 174" geht jedoch anders vor und entwirft ein zutiefst trauriges Dokument eines Bewohners der Favela, welches mir auch nun noch, beim Schreiben dieses Artikels, kalte Schauer über den Rücken laufen lässt und mir die Tränen in die Augen treibt. Denn die Dokumentation macht eine Sache, die bislang Niemand ernsthaft unternommen hat: Man fragt nach dem "Warum?". Wieso steigt dieser Mann an diesem Tag in den Bus und nimmt Geiseln, stellt jedoch kaum, oder zumindest nur absurde Forderungen, die bereits die Verzweiflung des Mannes deutlich machen. Was ist im Leben von Sandro vorgefallen? Die Antworten auf diese Fragen können tragischer kaum sein, sie wirken hier jedoch so unglaublich ergreifend, da dies keine Geschichte mehr ist: Sandros Leben ist echt: Mit 6 Jahren muss er mit ansehen, wie seine Mutter ermordet wird. Bis dahin, auch dass zeigen Bilder des Jungen, führte er ein völlig normales Leben, wohlbehütet bei seiner Mutter.

Als Waise kann er dann jedoch mit gerade mal 6 Jahren nicht auf soziale Unterstützung, wie man sie hierzulande als völlig normal hinnimmt, bauen, sondern muss sich allein zurecht finden. Dabei gerät er immer wieder auf zweifelhafte Wege, doch genauso oft findet er auch wieder von dort heraus. Schon allein dieses stete Aufbäumen und herauskämpfen aus dem Sumpf der Gewalt macht im Laufe der Dokumentation immer deutlicher: Der Mann dort im Bus, der mehrere Geiseln mit einer Waffe bedroht, hat noch niemals einem Menschen weh getan und er wird es auch heute nicht tun. Umso dramatischer spitzt sich die Lage im Bus schließlich zu, als deutlich wird, dass dieser Mann jenen Tag im Juli 2000 wohl nicht überleben wird.

Man erfährt sämtliche Tiefschläge, die Sandro in seinem viel zu kurzen Leben erfahren musste, etwa wenn er sich einer Gruppe anschließt, die zwar auf der Strasse lebt, aber friedlich ist. Für die brasilianische Polizei sind Strassenkinder jedoch ein Schandfleck - schließlich lebt das Land auch vom Tourimus, da will man Strassenkinder nicht sehen. So überlebt Sandro nur knapp ein Massaker der Polizei, welches viele seiner Freunde in den Tod reißt. Ein Kommentar im Film beschreibt das Vorgehen der Polizei umso eindringlicher und aufwühlender: Wer in Brasilien Polizist wird, wird dies nur, weil er nirgends sonst eine Arbeit findet. Die brasilianische Polizei macht die Drecksarbeit, für die sich sonst im Land niemand die Hände schmutzig machen will. So auch die oben beschriebene "Säuberungsarbeit" mit den Strassenkindern. Doch Alles ist anders, wenn das Fernsehen dabei ist.

Niemand hat offenbar ein Problem damit, wenn die Polizei nachts wehrlose Kinder niederballert, doch wenn man mehrmals die Möglichkeit hat, Sandro, der seinen Kopf durch das Busfenster schiebt, zu erschießen, zögert man. Das brutale Vorgehen der Polizei hat im Fernsehen nichts verloren.

Oft genug landet Sandro im Gefängnis, oft genug bittet seine Tante darum, ihn aufnehmen zu dürfen, jedoch ohne Erfolg. Jeder, der im Film zu Wort kommt, seine Tante, seine Adoptivmutter, selbst der Gefängiswärter, machen deutlich, dass Sandro immer von einer Familie träumte, dass er niemals der sein wollte, den Alle, am Ende das ganze Land in ihm sahen: ein brutaler Junge aus der Favela. "Bus 174" dekonstruiert präzise und mit unglaublicher emotionaler Wucht jenes Klischee vom monströsen Vorstadtkind,welches die "normale" Mittelschicht des Landes bedroht. Und nicht nur das: Am Ende kehrt sich das Verhältnis um: Sandro ist der Bedrohte, die Mittelschicht, die Polizei, das Fernsehen, ganz Brasilien wird zum Monster, welches seine Probleme lieber abknallt, als sich damit auseinanderzusetzen. Insofern ist "Bus 174" auch und vor allen Dingen eine höchst ernstzunehmende Gesellschaftskritik, die diese Kritik exemplarisch an einem Opfer thematisiert.

So sagt es denn auch eine der Geiseln im Bus sehr treffend zu Sandro, dem Geiselnehmer: Es gibt heute nur ein Opfer und das ist er. Wer sich solch ein hartes Dokument unserer Zeit zutraut und nicht allzu nah am Wasser gebaut ist, dem ist dieser Film in jedem Falle tausend mal mehr zu empfehlen, als beispielsweise "City of God", der jede kritische Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in Brasilien im Kugelhagel ersticken lässt. Doch es sei an dieser Stelle eindringlich vor der unerschrockenen Authentizität der Regisseure gewarnt: Anders als dies bei uns eventuell üblich ist, schreckt dieser Film nicht vor echten Tötungsszenen zurück. Hier wird nichts ausgeblendet, nichts weggelassen und nachträglich erzählt. Der Film benutzt diese Bilder und er will keine Debatte darüber in Gang setzen, ob man sowas darf oder nicht. Er braucht diese Bilder vielmehr, um ein Nachdenken zwischen der gigantischen Kluft zwischen Mittelschicht und Favela überhaupt in Gang zu setzen. Wer dem Ganzen standhält, wird jedoch Bilder sehen, eine Geschichte des kleinen, armen Jungen sehen, die definitiv nicht mehr aus dem Kopf geht und man krankt danach fast schon an der unerträglichen Gewissheit, selbst nichts unternehmen zu können und auch der Tatsache, dass sich in Brasilien derartige Schicksale tagtäglich wieder und wieder ereignen werden.

10 von 10 Punkten

Die ersten zehn Minuten aus der Dokumentation:

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