Auda CineMaster


Anmeldedatum: 14.08.2007 Beiträge: 885
Wohnort: Kölner Bucht
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Verfasst am: Mo Dez 17, 2007 17:25 Titel: Cyrano de Bergerac (F, 1990) |
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Ein Draufgänger und Poet.
Cyrano de Bergerac (Frankreich, 1990), 137 Minuten
Regie: Jean-Paul Rappeneau,
Buch: Jean-Claude Carrière und Jean-Paul Rappeneau nach dem gleichnamigen Stück von Edmond Rostand,
Darsteller: Gérard Depardieu (Cyrano De Bergerac), Anne Brochet (Roxane ), Vincent Perez (Christian de Neuvillette), Jacques Weber (Comte De Guiche), u.a.
Zu den erfolgreichen und bekannten Komödien um 1990 gehören Pretty Woman (romantische Komödie), Kevin allein zuhaus (Slapstick-Komödie), Der Kindergarten-Cop (Krimi-Komödie), City Slickers (Western-Komödie) und Look Who's Talking (Äähh… Komödie). Weit weniger bekannt ist der Film, den ich hier vorstellen möchte: Cyrano de Bergerac, eine romantische Tragikomödie. Der Film folgt recht eng, bisweilen wortgetreu dem gleichnamigen Stück von Edmond Rostard aus dem Jahr 1897. Abgesehen von der klassischen Vorlage liegt ein weiterer Unterschied zu den eingangs genannten Filmen darin, daß es sich um eine französische Produktion handelt.
Die Geschichte dreht sich um den titelgebenden Cyrano De Bergerac, einen Gardisten bei den französischen Gascogner Kadetten um die Mitte des 17. Jahrhunderts herum (genau zwischen 1640 und 1655). Seine hervorstechenden Eigenschaften sind seine poetisch-geistreiche Begabung, sein Draufgängertum und eine riesige Nase. Durch diese fühlt er sich zwar verunstaltet, seine Selbstachtung und sein Selbstbewußtsein kann sie jedoch nicht mindern. Wer es mit den streitlustigen Cyrano aufnimmt, bekommt seinen beißenden Witz oder sein Schwert zu spüren. Sein ganzer Mut verläßt ihn jedoch, wenn es um Roxanne geht, die von ihm verehrte Kusine. Er glaubt seine Nase sei zu abstoßend, um sie für sich gewinnen zu können.
Roxanne verschenkt ihr Herz jedoch fast augenblicklich an den hübschen jungen Kadetten Christian, der seinerseits von Roxanne angetan ist. Allerdings ist der Dummkopf weder in Lage seine Liebe in Worte zu fassen, noch den poetisch-romantischen Ansprüchen Roxannes zu genügen.
So geschieht, was geschehen muß: Roxanne erbittet von Cyrano, er möge ein Auge auf Christian werfen, um ihn gegebenenfalls zu schützen, und Christian bittet den Poeten beim Umwerben der Schönen zu helfen. Mit der Logik eines hoffnungslos Verliebten, bietet Cyrano sich an, Liebesbriefe an Roxanne in Christians Namen zu verfassen. Der Schwindel gelingt, es kommt gar zur überstürzten Heirat zwischen Roxanne und Christian. Ein dritter Werber um die Gunst Roxannes, der Comte De Guiche, fühlt sich schmählich hintergangen und veranlaßt die Verlegung der beiden Soldaten in Kriegsgebiet.
Hier nimmt das Geschehen einen tragischen Verlauf. Erst Jahre später enthüllt sich Roxanne der ganze Schwindel auf dramatische Weise.
In Frankreich ist das Stück Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand fast so bekannt, wie Goethes Faust in Deutschland. Es ist häufig auf den Spielplänen zu finden und hat auch schon mehrfach den Weg ins Kino gefunden. Und immer wenn ein Klassiker das Licht der Leinwand erblickt, stellt sich die Frage: Wie originalgetreu soll es den sein? So gibt es bereits eine Verfilmung von Michael Gorden (USA 1950), die sehr bühnennah, fast bieder ist und von Fred Schepsi eine gelungene und elegante Umsetzung von 1987, welche in den USA der 80er spielt. Cyrano (gespielt von Steve Martin) ist darin ein Feuerwehrhauptmann.
Rappeneau geht inhaltlich behutsam vor. Er beläßt die Geschehnisse im Paris des 17ten Jahrhunderts und hält sich dicht an die fünf Akte. Jedoch befreit und entfesselt er die Handlung von jeder bühnenhaften Enge mit den Möglichkeiten des Kinos: Stimmige Sets, Außenaufnahmen, gelungene Kameraarbeit.
Eines bleibt jedoch nicht (oder kaum) verändert: der Originaltext. Und das bedeutet in diesem Fall: Versmaß! Das ist ein zentraler Punkt bei Cyrano, wie bei allen derartigen Klassikeradaptionen: Gelingt die Übertragung des Textes im Versmaß auf die Leinwand? Oder ist der Filmadaption mit einer modernisierten freien Textfassung besser gedient? Einen Alexandriner (jambischer Reimvers) auf ein Kinopublikum loszulassen, das sich mit maulfaulen Helden zufrieden gibt, die ab und zu einen flachen Einzeiler loslassen, um ihre Sprechfähigkeit unter Beweis zu stellen, ist sicher ein Wagnis. Im Fall von Rappeneaus Cyrano geht dieses Wagnis in der Gesamtkomposition des Filmes allerdings voll auf.
Im Film kann man praktisch alles besser machen, als auf der Bühne, nur beim Aufsagen eines Textes unter dem Reglement eines Versmaßes, wirkt Künstlerisches schnell gekünstelt.
Es gelingt der Kamera jedoch ebenso kraftvolle wie bewegte Bilder einzufangen, welche die im Versmaß gesprochenen Texte kongenial ergänzen. Von der Enge der Bühne befreit, lebt der Text auf, ohne von den Bildern erdrückt oder überragt zu werden und das ist wichtig für den Film. Den im Gegensatz zu den oft optischen Gags anderer Komödien, liegt der Witz bei Cyrano eindeutig im Text; das Spiel der Akteure „unterstützt ihn nur“. Geistreiche Eleganz ist das, was dem Zuschauer geboten wird und womit der ein oder andere vielleicht auch seine Schwierigkeiten hat. Die Dialoge, reich an Metaphern, machen zwar höllisch Spaß, aber bei dem manchmal hohen Tempo, in dem das Vermaß erklingt, verlangt der Film dem Zuschauer eindeutig mehr ab, als andere Komödien. Doch gerade das ist eine Wonne und eine im heutigen Kino eher selten verabreichte geistreiche Unterhaltung.
Die stimmige Umsetzung und die Balance von Bild und Sprache erscheinen vollkommen natürlich, sind nahezu perfekt, wie man es sonst nur bei Klassiker-Adaptionen von Kenneth Branagh sieht. Die Spielfreude der Schauspieler ergänzt die Natürlichkeit der Bilder. Lebendigkeit der Figuren und Versmaß gehen ganz selbstverständlich miteinander einher. Alle Rollen sind solide besetzt, Anne Broche als Roxanne ist bezaubernd. Doch den wichtigsten Stein zum vollkommenen Gesamtbild liefert Gerard Depardieu in der Titelrolle. Mit seiner umwerfenden Präsenz hält alles zusammen. In der Vereinigung eines polterig-draufgängerischen Raufbolds und eines einfühlsamen Poeten in einer Figur ist er schlicht einzigartig. Die Rolle scheint für ihn geschrieben worden zu sein. Folgerichtig war er 1990 sogar als bester Hauptdarsteller für den Oscar nominiert.
Neben der Leistung Depardieus und der anderen Darsteller, die das Vers-Werk nicht der Lächerlichkeit preisgeben, sondern seine geistreiche Eleganz auf die Leinwand transportieren, hat der Regisseur Rappeneau ganze Arbeit geleistet. Der Film ist wirklich prachtvoll ausgestattet. Mit einem Budget von Hollywood-Ausmaßen (ca. 60 Millionen DM) hat er satte Opulenz, Abenteuer und Action auf die Leinwand gezaubert (inklusive Schlachtengemälde im vierten Akt), welche dem Werk eine Dimension verleihen, welche die große Leinwand füllt, ja nach ihr verlangt.
Ein einziger Wermutstropfen bleibt dem deutschen Zuschauer: Das Stück in seiner ganzen Schönheit zu bewundern, ist nur dem vorbehalten, der sehr gut Französisch versteht. (Obwohl die deutsche Fassung als eine der besten Übersetzungen des Stückes gilt.) Das manchmal kantige Deutsche kommt gegen das elegante französische Original erwartungsgemäß nicht an. Trotzdem: Auch in der deutschen Synchronfassung raschelt auf der Leinwand weder Papier, noch knarren Bühnenbretter, vielmehr entfaltet der Film sein eigenes vitales Leben auf der Leinwand.
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Bei Amazon findet man die DVD und das Stück zum Lesen.
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Trivia:
Der Film erhielt den Oscar für die besten Kostüme.
Desweiteren war er für vier weitere Oscars nominiert:
Best Foreign Language Film
Best Actor in a Leading Role - Gérard Depardieu
Best Art Direction-Set Decoration - Ezio Frigerio, Jacques Rouxel
Best Makeup - Michèle Burke, Jean-Pierre Eychenne
Der Film erhielt 10 Césars bei 13 Nominierungen sowie viele weitere Preise.
Cyrano de Bergerac lebte tatsächlich vom 6. März 1619 bis 28. Juli 1655 in Paris, wo er im Dienst der königlichen Garde strand und auch als Lyriker und Stückeschreiber arbeitete.
Er war also ein Zeitgenosse von D’Artagnan, der ebenfalls eine reale Person war (nur ohne die Abenteuer).
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