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Gerry

 
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FrEaKnoT
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BeitragVerfasst am: Do Dez 18, 2008 10:33    Titel: Gerry



Regisseur: Gus Van Sant
Darsteller: Casey Affleck, Matt Damon
Musik: Arvo Pärt
FSK: ab 12 Jahren
Produktionsjahr: 2001
Spielzeit: 98 Minuten





Handlung:

Zwei Männer, beide heißen Gerry, sind in einem wüstenartigen Naturschutzgebiet unterwegs. Sie wollen zu "Dem Ding". Nach einer Weile kehren sie um- und finden das Auto nicht mehr. Also suchen die Gerrys in der endlosen, menschenleeren Landschaft danach.





Kritik:

Denkt man an Gus van Sant, hat man sofort Good Will Hunting vor Augen. Nach der Oscarnominierung dafür ließ er sich für das Psycho-Remake ausgiebig entlohnen und entsagte dann dem Hollywood-Kommerz zugunsten der Kunst. 2002 drehte van Sant dann Gerry, das Drehbuch hatte er zusammen mit den Hauptdarstellern Matt Damon und Casey Affleck entwickelt.

Gerry ist losgelöst von allen Maßstäben mit denen Filme bemessen werden. Weder Handlung noch Spannungskurve spielen eine Rolle, Dialoge sind rar gesäht und bieten kaum Informationen, die großartige Musik von Arvo Pärt erklingt nur drei Mal, leise und verhalten. Was bleibt ist der Rumpf eines Films. Und der ist überraschenderweise durchaus überlebensfähig.





Die beiden Protagonisten laufen und laufen und laufen, ein endloser Marsch durch die undurchdringliche Wüstenlandschaft. In minutenlangen, bildgewaltigen Einstellungen verlieren sich die beiden Protagonisten irgendwo im Nichts, oft ganz weit weg, klein inmitten der gewaltigen Natur. Nur der omnipräsente Wind unterlegt die Bilder und lässt den Zuschauer teilhaben und mitfühlen.

Was Scharen von Kritikern „langweilig“ nannten ist im Grunde der kleinste gemeinsame Nenner, auf den van Sant den Zuschauer mit den Charakteren bringt, in dem er sie dasselbe wie den Protagonisten widerfahren lässt. Es gibt kein Kurzweil, keine Ablenkungen, sondern nur das Hier und Jetzt. Und darauf macht Gerry den Zuschauer in jeder Sekunde aufmerksam. Irgendwann im Laufe des Films ist die Zeit keine wichtige Größe mehr, Geld und Besitz und alles andere, mit dem wir unsere Existenz bemessen verliert seinen Wert, es gibt keine absoluteren Wahrheiten als das Sein an Ort und Stelle im Jetzt. Die fast surrealen Bilder zeigen die Natur als Urgewalt in ihrer Passivität, in der Menschen unbedeutende Bakterien sind.

Natürlich benötigt man als Zuschauer Ausdauer, wer Gerry an herkömmlichen Maßstäben misst wird unruhig hin und her rutschen und warten dass etwas passiert und dabei übersehen, dass jeder der Schritte der beiden Gerrys ein Erlebnis ist.

Gerry ist philosophisch, atmosphärisch und wunderschön, existenzialistisches Kunstkino in Perfektion.



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Zuletzt bearbeitet von FrEaKnoT am Sa Jul 31, 2010 13:52, insgesamt 3-mal bearbeitet
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Cool Hand Luke
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BeitragVerfasst am: Do Dez 18, 2008 23:22    Titel:

Ich gehöre wohl in eine Zwischengruppe, die zwar die wirklich wunderschönen Bilder sowie die verlassene Atmosphäre genießt, aber in "Gerry" nicht viel mehr sieht, als ein Film über zwei Typen in der Wüste...
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FrEaKnoT
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Beiträge: 1166
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BeitragVerfasst am: Fr Dez 19, 2008 10:54    Titel:

Selbst wenn man "nur" auf Atmosphäre und tolle Bilder steht und Lust auf ein bisschen Arhaus-Kino hat sollte man Gerry mal ne Chance geben...hätte auch nicht gedacht dass der mir so gefällt.

EDIT: Bilder eingefügt.
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plam
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BeitragVerfasst am: Fr Dez 19, 2008 12:22    Titel:

Man lese vielleicht mal das "Zeit-Bild. Kino 2" von Gilles Deleuze, um Filme, wie diesen hier, besser verstehen zu können. Man kann den Bogen aber noch weiter überspannen und sich mal grundlegend in zeitphilosophische Ideen einlesen. Grundsätzlich sind wir schließlich nicht dazu in der Lage, Zeit irgendwie wahrzunehmen, wir haben, im Gegensatz zum Tastsinn beispielsweise, keinerlei "Zeitsinn".

Es gibt allerdings sehr interessante und in ihrer Eigenart merkwürdige Texte zur Zeit, wie etwa Martin Heideggers Kapitel zur "Langeweile", die aufzeigen, wie man gerade in der Langeweile offenbar annähernd so etwas fühlt wie die Zeit schlechthin. Klingt erstmal merkwürdig, doch genau darum geht es: es entsteht Verwirrung in uns, wenn wir anfangen, Zeit wahrzunehmen (so beschränkt uns dies überhaupt möglich ist). Und eben diese Verwirrung verspürt man in Filmen, wie "Gerry", in denen die Handlung mal nicht davon erzählt, etwas zu erzählen, sondern die darüber berichtet, wie Zeit vergeht. Ein transzendentaler Film, wenn man so will, der das an sich transzendetale Wesen der Zeit für einen Augenblick irgendwie in unser Bewusstsein lenkt.

Es fällt bei der Lektüre zur Zeit mithin ebenso direkt ins Auge, dass Zeit oftmals nur zusammen mit Raum gedacht werden kann. Auch hierfür steht dieser Film, der eben Raum und Zeit gleichsam viel, viel "Raum" gibt.
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Masako
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BeitragVerfasst am: Fr Mai 08, 2009 08:57    Titel:

@FrEaKnoT
Vielen Dank für die Kritik. Ich habe den Film gestern gesehen und deine Worte und Bilder haben ihn nochmal für mich hergeholt.

Gute Unterhaltung ist Gerry sicher nicht, aber ein sehr besonderer Film, der mich mitgenommen hat (wobei man dazu auch die Bereitschaft mitbringen muss) auf den Weg der beiden Gerrys (oder sind es in Wirklichkeit zwei Seiten des einen Gerry?) ins quälend Ungewisse, endloses Laufen, sich verlierende Zeit, Verwirrung, Verzweiflung, dem Wunsch nach dem Ende...

Besonders die Naturaufnahmen sind grandios - vielleicht ist es abwegig, aber die Natur wird hier gezeigt wie Drachen manchmal geschildert werden: wunderschön, mächtig, von grausamer Gleichgültigkeit.

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Normalerweise sind dem Krieger die Wege des Konfuzianismus, des Buddhismus, der Teezeremonie und des Nô gleichgültig. Wenn aber jemand wirklich einem Weg folgt, wird er Gemeinsamkeiten mit Menschen feststellen, die anderen Wegen folgen. Dabei ist wichtig, dass jeder sich ernsthaft und sorgfältig auf dem Weg seiner Wahl übt.
Miyamoto Musashi (Das Buch der fünf Ringe, Erde)
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