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Anmeldedatum: 24.03.2008 Beiträge: 1166
Wohnort: Hamburg
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Verfasst am: Mo März 24, 2008 10:05 Titel: Menschenfeind- Kino Kontrovers Nr. 1 |
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Die Vorgeschichte der Hauptfigur erzählte Regisseur Gaspar Noé in seinem 40-minütigem Kurzfilm Carne, eine Art Prototyp für seinen ersten Langfilm Menschenfeind, der einige Jahre später entstand und sogleich für einige Kontroversen sorgte. Die Vorgeschichte aus Carne wird, mit dynamischer Musik unterlegt, in einer Diashow von der Hauptfigur selbst erzählt. Bereits hier beweist Regisseur Gaspar Noé Stilbewusstsein. Ist ein Off-Erzähler normalerweise verpönt unter Filmschaffenden, weil diese Erzählform handwerklich schwach ist und die Bilder unterminiert, nutzt Noé die inneren Monologe des Schlachters, um eine Nähe zum Zuschauer herzustellen und ihn so zu zwingen, sich dieser unerträglichen Person zu stellen, was ein Hauptbestandteil der Intention ist. Die erwähnten Monologe prasseln von Anfang bis Ende des Films auf das Publikum ein, wobei die Ansichten des zornigen Mannes garantiert niemanden kalt lassen, sie sind höchst polemisch, rassistisch, frauen- und schwulenfeindlich und richten sich generell gegen jede Autorität und Kultur. Noé zwingt den Zuschauer zuzuhören und sich selbst zu hinterfragen, wenn einigen Thesen der Figur am Ende gar nicht mehr so abwegig klingen.
Die offensichtliche Handlung mag recht schlicht erscheinen, ist aber vor allem in der ersten Stunde auch mehr eine Bühne für die inneren Konflikte der Figur. Der Schlachter sitzt teilnahmslos im Café, sitzt in Gedanken versunken in der Wohnung oder geht mit regungslosem Gesicht durch die Straßen von Lille. Sein Leben ist leer und von täglicher Teilnahmslosigkeit geprägt, das Leben ist ein Schauplatz, den der Schlachter entrückt betrachtet und dies wird auch durch leere schlichte Szenen vermittelt. In diesem Punkt ähnelt der Film Scorseses Taxi Driver, der aber zwischendurch immer mal wieder aufgelockert wurde, während Menschenfeind den Zuschauer nicht von den schlichten Bildern und den unermüdlichen Hasstiraden des Protagonisten erlöst, sondern hineinzieht in diese armselige Welt. Auch in diesem Punkt bleibt Noé sehr subjektiv, zeigt Lille und später Paris als Ansammlung leerer, immer grauer Straßen, zeigt Müll, Dreck und Verfall, heruntergekommende Hotelzimmer und verbrauchte Menschen. Die Bilder schildern die Sicht des Schlachters und übertragen sie auf den Zuschauer.
Weitere Mittel, um eine noch bestehende Distanz zu überwinden, sind die Kameraarbeit, der Schnitt und der Ton. Sie verhindern, dass der Zuschauer sich anpasst, sich sammelt und die Gewalt und den omnipräsenten Hass abstrakt bewerten oder gar verarbeiten kann. Das Zusammenspiel dieser drei Elemente ist perfekt und in dieser Form einmalig. Oft sieht man den Protagonisten in einer halbtotalen Einstellung, während er in Gedanken versunken herumsitzt. Ein Monolog traktiert den Zuschauer. Wenn der Zorn des Schlachters einen Höhepunkt erreicht, sei es durch Gedankengänge oder durch äußere Einflüsse, ertönt ein Knall, einem Pistolenschuss nicht unähnlich, und die Kamera fährt in rasanter Geschwindigkeit nah an das Gesicht der Figur heran, einige Male auch mit einem abrupten Sprung in der Perspektive. Dies ist sehr erschreckend, auch im weiteren Verlauf ist es schwer, sich darauf einzustellen.
Grandios ist der Hauptdarsteller Philippe Nahon, einigen vielleicht als Mörder aus High Tension bekannt, der wohl die größte Leistung seiner Karriere vollbringt und die Figur mit beeindruckender Präsenz spielt. Er vermag es, sowohl die cholerischen Ausbrüche als auch die stille Wut in seinem Gesicht wiederzugeben.
Die dargestellte Gewalt ist sehr realistisch und geht an die Nieren, sie unterscheidet sich stark von ihrem Pendant, das beispielsweise in amerikanischen Blockbustern eingesetzt wird. Dort löst Gewalt Probleme und wird vom Helden benutzt um ein Held zu sein, während der Misantroph aus Menschenfeind wahrlich schlichtere Absichten hat und die Gewalt folgerichtig abstoßend gezeigt wird. Es ist ja nicht so dass Noé denjenigen, die den Film angeekelt wegen der expliziten Szenen stark kritisierten, keine Chance zur Flucht ließ, etwas fünfzehn Minuten vor dem Ende erscheint eine 30-sekündige Warnung, die dem Publikum die Möglichkeit aufweist, die Vorführung des Films abzubrechen, was an dieser Stelle jedem geraten ist, der sich normalerweise in eher gemäßigten Filmgenres bewegt.
Menschenfeind ist ein brillianter Auftakt der KinoKontrovers-Reihe und sicherlich einer der besten der zehn Filme. Gaspar Noé schuf ein kompromissloses Meisterwerk mit unnachahmlichem Stil, dessen Bilder noch lange im Kopf bleiben. Menschenfeind ist bestes kontroverses Kino das zur Auseinandersetzung zwingt und nicht einfach ignoriert werden kann.
5 von 5 Punkten.
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