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FrEaKnoT CineMaster


Anmeldedatum: 24.03.2008 Beiträge: 1152
Wohnort: Hamburg
1405 Punkte
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Verfasst am: Di Jul 20, 2010 18:05 Titel: Twentynine Palms |
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Ich möchte hier einen meiner Lieblingsfilme vorstellen und zitiere einfach mal von meiner Homepage:
Twentynine Palms
Regisseur: Bruno Dumont
Jahr: 2003
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 18 Jahren
INHALT:
David ist Fotograf und reist mit seiner Freundin Katia in die kalifornische Wüste um das kleine Nest Twentynine Palms, um Locations zu suchen. In der menschenverlassenen Gegend haben die beiden nur einander, doch schnell kommt es zwischen langen Autofahrten und wildem Sex zu vielen kleinen Streitigkeiten, die sich langsam steigern, doch dies ist nur ein kleines Übel angesichts der feindlichen Umgebung.
KRITIK:
Es ist ausreichend einen seiner Filme gesehen zu haben um zu bemerken, dass Bruno Dumont ein destruktiver Filmemacher ist. In jedem seiner bisherigen Werke dekonstruierte er ein Genre, mit Flandern bediente er sich des Kriegsfilmsujets, ohne dass der Film entfernt mit anderen Vertretern seines Genres zu vergleichen ist, Humanität wäre ein typischer Thriller, wenn er nicht mit 150 Minuten Spielzeit und straffer Reduzierung auf Leere und Monotonie sämtliche Genremerkmale ad absurdum führen würde. Dumonts Filme funktionieren nicht über ihr Thema, ihre Handlung oder eine Entwicklung der Figuren, sie ziehen ihre Kraft aus der physischen Unmittelbarkeit, die auch ganz charakteristisch für Dumonts bisher besten Film Twentynine Palms ist.
Dumont ließ sich vom Maler Henri Matisse inspirieren: "Was wichtig ist ist nicht das Thema oder Motiv, sondern die Anordnung der Dinge drumherum". Dies setzte der Regisseur äußerst gelungen um, das Motiv des Liebesdramas wird vielfältig angereichert und in verschiedene Kontexte gesetzt, sodass Twentynine Palms auf verschiedene Weise rezipiert werden kann, insbesondere da Dumont in seinen Filmen die Extreme sucht, um den Zuschauer die Grautöne entdecken zu lassen.
Schon die beiden Hauptfiguren Katia und David sind ein Beispiel für die Ambivalenz des Stoffes: Sie scheinen ein Paar zu sein, doch diese Beziehung wirkt latent fehlerhaft. Am offensichtlichsten ist die Sprachbarriere: David ist Amerikaner, Katia scheint aus Osteuropa zu stammen, zur Verständigung nutzen sie die französische Sprache, die sie beide nicht sonderlich gut beherrschen, weshalb David oft seine Muttersprache benutzt, die Katia aber nur schlecht versteht - Kommunikationsprobleme sind vorprogrammiert, eine Basis für eine Beziehung fehlt. Die könnte Sex sein, doch auch hier ist keine Liebe zu erkennen, wilde und mechanische Triebbefriedigung ist es - typisch in einem Dumont-Film. Es scheint, als würden sich die beiden Protagonisten noch nicht lange kennen, ständige, sich steigernde Kabbeleien sprechen gegen eine homogene Beziehung. Zumal David beruflich unterwegs ist und Katia eher eine Begleiterin ohne Funktion ist, privat mitzureisen scheint. Es gibt für Dumonts Figuren nie eine Geschichte, der Zuschauer hat nur das was er sieht, es bleibt an ihm, zu schlußfolgern und mutmaßen, wie es um David und Katia bestellt ist.
Der zweite Eckpfeiler des Films ist die Kleinstadt Twentynine Palms und vor allem die Wüstenlandschaft. Das Äußere ist nicht nur Spiegel der inneren Leere, des Innenlebens der Figuren, sondern vor allem ein Katalysator. Das dem Zuschauer verborgene Vorleben des Paares spielt in der Wüste keine Rolle mehr, es erinnert an den ersten gemeinsamen Urlaub von Frischverliebten, die dann auf engsten Raum schnell die Unzulänglichkeiten des Anderen entdecken und darüber nicht hinwegkommen. Die Bilder, die Kameramann Georges Lechaptois einfängt sind weitab von jeder Poesie und keinesfalls vergleichbar mit den wunderschönen Wüstenaufnahmen aus Gus van Sants Gerry, in Twentynine Palms ist die Wüste groß, weit und hässlich, sie erdrückt die Protagonisten, zwängt sie ein und lässt so eine atmosphärische Grundsituation entstehen, in der die Sprachlosigkeit schwer wiegt und ein Zusammenhalt gefährdet ist.
Dabei ist die Wüste amerikanisch, freilich ohne die Verklärung eines Wim Wenders, sondern mit dem kritschen Blick von Dumont, der Amerika negativ konnotiert, indem er zum Bersten volle Supermarktregale zeigt ohne vorhandene Kunden oder White-Trash-Hausfrauen in Talkshows. Viel deutlicher als diese Randnotizen ist aber das Abbild des menschenleeren Ortes: in der Einsamkeit von Twentynine Palms ist jeder Fremde eine potenzielle Bedrohung, jedes vorbeifahrende Auto eine Gefahr. Trotz der kaum stattfindenden Handlung, trotz des Fehlens von Musik oder sonstiger Mittel des Unterhaltungskinos entsteht eine untergründige Spannung, wenn Katia und David sich in der scheinbar lebensfeindlichen Umgebung bewegen.
Eine Flucht ist ihnen nicht möglich und letztendlich auch unnötig, das ist die Lehre des Films. Es gibt nur das physische Hier und Jetzt, der Ort an dem wir unsere zwecklose Existenz verbringen ist scheinbar irrelevant. Katia und David suchen nicht einmal nach dem Sinn ihres Seins, das Leben ohne jegliche Poesie ist leer und leblos. Das lebensbejahendste Element des Films, der Sex, verkommt zur reinen Existenzbezeugung. Sie schreien ihre Orgasmen laut heraus, mit gutturalem Gestöhne - Hier bin ich! Jetzt bin ich! Hinterher bleibt nur die Einsamkeit der Wüste - und irgendwann ein Ende der Existenz, das ebenso sinnlos und unglücklich ist wie die Lebenszeit davor.
Twentynine Palms ist äußerst ambivalentes, in alles Belangen hartes Kino ohne Kompromisse, Dumont bietet dem Zuschauer Elemente eines Liebesdramas und eines Horrorfilms, zusätzlich versetzt mit Gesellschaftskritik und Themen der Philosophie. Das ist nicht unterhaltsam, aber wuchtiges postmodernes Kino, das in seinem Naturalismus vielleicht eine Hoffnung nährt, die die Handlung in jedem Moment verneint.
6 von 6 Punkten.
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Zuletzt bearbeitet von FrEaKnoT am Sa Aug 07, 2010 11:52, insgesamt einmal bearbeitet |
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yun CineMaster


Anmeldedatum: 28.03.2008 Beiträge: 2068
0 Punkte
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Verfasst am: Mi Jul 21, 2010 11:24 Titel: |
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sehr schöne vorstellung, freaknot ... was bedeutet der film für dich und weshalb ist es einer deiner lieblingsfilme? |
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FrEaKnoT CineMaster


Anmeldedatum: 24.03.2008 Beiträge: 1152
Wohnort: Hamburg
1405 Punkte
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Verfasst am: Mi Jul 21, 2010 12:26 Titel: |
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Ich schätze ja im Allgemeinen Filme die Konventionen brechen oder gleich ganz ignorieren, außerdem bin ich Befürworter einer direkten, konkreten Inszenierung, die Dumont ja quasi zu seinem obersten Ziel erklärt hat (Obwohl ich auch sagen muss dass mir die anderen Filme des Regisseurs längst nicht so gut gefallen).
Was nun Twentynine Palms im Speziellen auszeichnet sind die zeitlose Atmosphäre und die Möglichkeit, sich seine eigene Geschichte zu finden. Beides hat zur Folge, dass der Film vorraussichtlich auch in 20 Jahren nichts von seiner Kraft eingebüßt haben wird, auch wenn ich bezweifle dass mein Filmgeschmack dann noch derselbe ist.
Twentynine Palms ist einfach wuchtig und direkt, obwohl fast nichts passiert. Eigenartig und keine leichte Kost, aber nach inzwischen 4 Sichtungen in den letzten 3 Jahren hat er mich jedes Mal getroffen, was mir selten passiert. Da gibts eigentlich nur Irreversibel und eben Twentynine Palms, wobei die beiden völlig verschieden sind. _________________ Mehr als 900 kurze Filmkritiken vom 11:14 bis Zwielicht:
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