Ashes Of Time

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Originaltitel: Dongxie Xidu 東邪西毒
Kinostart im Produktionsland: Hong Kong 1994
Genre: Wuxia

Regie: Wong Kar-wai
Kamera: Christopher Doyle
Drehbuch: Wong Kar-wai
Musik: Frankie Chan
Kostüme: Luk Ha-fong
Actionchoreographie: Sammo Hung

DarstellerInnen: Leslie Cheung, Tony Leung Kar-fai, Brigitte Lin, Tony Leung Chiu-wai, Maggie Cheung, Jacky Cheung, Carina Lau, Charlie Young, Bai Li

 

Story:

It’s written in the Buddhist Cannon: The flags are still, no wind blows… It’s the heart of man that’s in tumult!”

Ouyang Feng betreibt ein kleines Wirthaus mitten in der Wüste, in dem er Mordaufträge an Schwertkämpfer vermittelt. Das Wirtshaus wird Ziel einiger einsamer Gestalten, unter ihnen Ouyang Fengs Freund Huang Yaoshi, das mysteriöse Geschwisterpaar Murong Yin und Murong Yang, ein Schwertkämpfer, der am Erblinden ist, ein Bauernmädchen, das seinen Bruder rächen möchte und der junge Hong Qi, der noch dabei ist, seinen Platz in der Martial Welt zu finden.

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Kommentar:

Als „Ashes of Time“ 1994 in die Kinos kam, stieß er auf Ablehnung und Unverständnis. Später wurde er dann in bestimmten Kreisen zum Kultfilm, ist aber trotzdem bis heute noch das unbekannteste und am meisten unterschätzte Werk Wong Kar-wais.
Für den kommerziellen Mißerfolg des Films sind meines Erachtens zwei Punkte verantwortlich.

Für den ersten ist es notwendig, ein wenig in die Enstehungsgeschichte des Films einzutauchen. Wong Kar-wai, ein Anhänger von Wuxia-Romanen, war fasziniert von den Namen zweier Hauptcharaktere aus Louis Chas „The Eagle Shooting Heroes“ (manchen eventuell auch unter Condor Heroes bekannt): Malevolent East und Malicious West (mit bürgerlichem Namen Huang Yaoshi und Ouyang Feng).
Wong Kar-wais ursprüngliche Absicht war es, die Rechte für diese Namen zu erwerben und für einen in der Martial Welt spielenden Film zu verwerten. Aber nach Anfragen stellte sich heraus, daß es keinen finanziellen Unterschied machen würde, die Rechte an den Namen oder an dem ganzen Roman zu kaufen. Damit hatte Wong Kar-wai die Freiheit, weitere Charaktere aus Eagle Shooting Heroes zu übernehmen, was er auch tat. So ist zum Beispiel Hong Qi ebenfalls eine Figur des Romans. Und er hätte auch deren Charaktere übernehmen können, was er allerdings nur teilweise und hauptsächlich bei Ouyang Feng tat. Die anderen Charaktere wandelte er nach seinen Vorstellungen ab und schrieb ein eigenes Drehbuch, das zeitlich vor den Geschehenissen in Louis Chas Geschichte spielt.
Der Film lief also unter dem Titel „Dongxie Xidu“, was soviel bedeutet, wie Malevolent East, Malicious West und die Zuschauer erwarteten einen klassischen Wuxia-Film nach der sehr bekannten und beliebten Romanvorlage. Mit beidem wurden sie in ihren Erwartungen enttäuscht. Wie gesagt, orientiert sich der Film nur sehr lose am Roman und er hält sich auch nicht an die Regeln des Wuxia-Genres, sondern transzendiert es, indem er das Genre als Hintergrund benutzt um eine moderne Geschichte über die für Wong Kar-wai typischen Themen wie verletzte Seelen, Einsamkeit und die Unfähigkeit zur Kommunikation, erzählt und noch den Aspekt der Erinnerung miteinbringt.

Gerade dieser Punkt macht übrigens für mich den Reiz an Ashes of Time aus. Durch die Verbindung dieser Themen mit einem Historienfilm geht Wong Kar-wai, meines Erachtens, mit Ashes of Time thematisch auch über seine anderen Filme hinaus. Diese spielen zwar ebenfalls nicht unbedingt in der aktuellen Zeit, aber sie sind alle in deren Nähe verankert und dadurch ergibt es sich, daß man die Einsamkeit der Charaktere auf die Modernisierung und die Anonymität der Großstadt schieben kann.
Bei Ashes of Time geht das natürlich nicht und sowohl Einsamkeit, als auch Kommunikationsunfähigkeit, die Angst vor Verletzung und Zurückweisung, mit der die Charaktere zu kämpfen haben, erscheint hier als existenzialistischer Teil des Mensch Seins.

Der zweite Punkt, der zur Ablehung des Films gesorgt haben dürfte, ist die Erzählstrucktur. Ashes of Time ist ein Episodenfilm, dessen Episoden locker dadurch verknüpft ist, daß die Personen teilweise zueinander einen Bezug haben. Die Episoden werden aber nicht nacheinander erzählt, sondern man erfährt stückchenweise mal von dieser, mal von jener etwas. Erschwerend hinzu kommt noch, daß man einiges nur durch Voice Over erfährt und zwar hauptsächlich aus Ouyang Fengs Sicht, der die meisten dieser Voice Over spricht. Mit anderen Worten: wir erfahren manchmal, was sich Ouyang Feng zu der Geschichte einer Person zusammenreimt und halten das für die „Realität“, bis es später in einem Voice Over der betroffenen Person zurecht gerückt wird.
Als Folge davon ist „Ashes of Time“ beim ersten Mal Sehen selbst für aufmerksame Zuschauer etwas verwirrend.
Spätestens beim zweiten Anlauf werden einem aber die Zusammenhänge klar und gerade weil der Film so kompliziert aufgebaut ist, wird er einem nicht langweilig, sondern er gewinnt mit jedem Mal Sehen dazu, da man immer wieder neue Aspekte entdeckt, die einem zuvor entgangen sind.

Die Cinematographie stammt, wie bei Wong Kar-wai üblich, von Christopher Doyle und ist wie zu erwarten von hoher Qualität. Sie unterscheidet sich aber stark von den bewegungszentrierten und oppulenten Wuxia-Filmen der Zeit und erinnert mit weiten Aufnahmen karger Landschaften und langer, statischer Aufnahmen von Gesichtern eher an japanischen Samurai- und Chambarafilme oder Italowestern.
Interessanterweise sind auch die Figuren aus „Ashes of Time“, die ihre Schwertkunst verkaufen, den Charakteren aus diesen Filmen ähnlicher als den ritterlichen Helden aus Wuxiafilmen.
Tatsächlich zitiert Tony Leung Chiu-wais sogar einen Satz aus dem japanischen Film „Lone Wolf & Cub: Am Totenfluß“.

Leider habe ich keinen Artikel über den Einfluß japanischer Filme in Ashes of Time gefunden. Aber es wäre doch ein interessantes Thema für Filmstudenten den Film einmal darauf zu untersuchen!

Als DarstellerInnen konnte Wong Kar-wai die damalige Creme della Creme des Hong Kong Films verpflichten. Leslie Cheung (Farewell my Concubine, Happy Together, A Chinese Ghost Story) spielt Ouyang Feng/Malicious West, Tony Leung Kar-fai (New Dragon Gate Inn, Flying Dagger, Eye in the Sky) seinen Freund Huang Yaoshi/Malevolent East, Maggie Cheung (In the Mood for Love, Hero) Ouyang Fengs ehemalige Geliebte, Charlie Young (Seven Swords, Fallen Angels, New Police Story) das Bauernmädchen, Jacky Cheung (Days of Being Wild, As Tears Go By, Bullet in the Head, Swordsman) den einfachen Hong Qi, Tony Leung Chiu-wai (2046, In the Mood for Love, Chungking Express, Happy Together, Infernal Affairs, Lust, Caution, The Battle of Red Cliff) den blinden Schwertkämpfer und Carina Lau (Days of Being Wild, 2046) seine Frau (daraus ist in der Zwischenzeit Realität geworden…).
Es handelt sich überwiegend um DarstellerInnen, die für ihre starke Leinwandpräsenz bekannt sind und auch in anderen Filmen von Wong Kar-wai auftauchen.

Die Musik vermischt traditionelle und moderne Klänge. Das Hauptthema ist sehr melancholisch, aber paßt ganz gut zum Film. Manche mehr Synthesizer- und E-gitarrenlastigere Stücke, die zwischendurch gespielt werden, sind allerdings etwas kitschig und auch nicht mehr ganz up to date.

Die sporadisch auftretenden Kampfszenen sind sehr, sehr schnell geschnitten, wodurch man zwar wenig erkennt, aber dafür ein sehr energetischer Eindruck erweckt wird.

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Fazit:

Zusammenfassend kann man sagen, daß Ashes of Time ein wunderschönes, aber leider verkanntes Juwel des asiatischen Film ist, daß wahrscheinlich mehr Einfluß auf heutige, sich aus das Genre stützende Filme hat, als im Allgemeinen angenommen wird.

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Sonstiges:

Der Film wurde von Wong Kar-wai 2008 neu zu editiert und mit anderer Musik versehen. Diese „Redux“-Version bekam streckenweisen ein neues Kinorelease. Insgesamt war es wohl achon keine schlechte Idee, denn der Film war damals einfacher seiner Zeit zu sehr vorraus und wird wahrscheinlich heute eher die verdiente Aufmerksamkeit bekommen.

Andererseits ist so etwas natürlich schade für die Leute, die den Film schon lange in Ehren halten und die es lieber puristisch mögen.

Jang Jin läßt einen seiner Charaktere in „Guns and Talks“ in leicht abgeänderter Form den Satz zitieren, den Ouyang Feng am Anfang und Ende von „Ashes of Time“ zu einem potenziellen Kunden sagt. Guns and Talks dreht sich thematisch stark um dieses Zitat.

Kim Ji-woon benutzt in der Einleitung zu „A Bittersweet Life“ das gleiche, buddhistische Zitat wie Wong Kar-wai in der Einleitung zu „Ashes of Time“.

Ursprünglich hatte Joey Wong aus „A Chinese Ghost Story“ ebenfalls eine Rolle in Ashes of Time. Diese wurde aber von Wong Kar-wai wieder herausgenommen. Nach Wimal Dissanayake konnte sie aber wegen eines Vorverkaufsvertrags mit Südkorea nicht vollständig herausgenommen werden und ist noch in einer sehr kurzen Einstellung bei der letzten Action Montage zu sehen. (Ich habe sie allerdings nicht gefunden.)

Sowohl Leslie Cheung, als auch Tony Leung Kar-fai, Brigitte Lin, Tony Leung Chiu-wai, Maggie Cheung, Jacky Cheung, Carina Lau und Joey Wong spielen in Jeffrey Laus „The Eagle Shooting Heroes“ einer Parodie des Romans aus dem Jahr 1993.

Bei den faktischen Hintergrundinformationen zum Film habe ich mich an Wimal Dissanayakes „Wong Kar-wai’s Ashes of Time“ aus der Reihe The New Hong Kong Cinema Series, herausgegeben von der Hong Kong University Press, Hong Kong 2003, gehalten. Für Leute, die stark an dem Film interessiert sind, ist dieses Buch sehr empfehlenswert, da es nicht nur informativ ist, sondern auch noch flüssig und verständlich geschrieben.

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Anmerkung: In diesem Artikel wurden die chinesischen Namen in der Reihenfolge “englischer Vorname Familienname chinesischer Vorname” geschrieben.

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